Umweltbüro Lichtenberg

Raum für alle

An der Ecke einer vielbefahrenen Kreuzung herrscht ein wildes Durcheinander. Pro Tag überqueren mehrere Tausend Verkehrsteilnehmer die Kreuzung im nordholländischen Städtchen Drachten. Vorbeiziehende Radfahrer, spazierende Fußgänger, Skateboardfahrer, Mopeds und Pkw, Busse oder Lkw, jeder sucht seinen Weg hinaus. Betrachtet man diesen Platz einmal genauer, so fällt auf, dass weder Ampeln noch Vorfahrtschilder, Fahrbahnmarkierungen, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Bürgersteige zu finden sind. Es handelt sich vielmehr um einen ebenen barrierefreien Platz, der auf „gegenseitiges Rücksichtnehmen“ und das Rechts-vor-Links-Gebot reduziert ist.

Ohne Regeln wird der Verkehr sicherer, so Hans Monderman, niederländischer Verkehrsplaner und Erfinder vom Raumplanungsmodell „Shared Space“ - dem „gemeinsam genutzten Raum“. Gefühlte Unsicherheit erhöht die Aufmerksamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme. Monderman will keine Ordnung und Trennung, sondern beabsichtigte Verwirrung, die die Menschen dazu zwingt, auf ihre Umgebung und Mitmenschen zu achten, ein Lerneffekt also, der den Verkehrsteilnehmern die Spielregeln im sozialen Verständigungsprozess vermittelt.
„Shared Space“ ist demzufolge ein Ansatz, der auf das rücksichtsvolle Miteinander im Straßenverkehr setzt. Der sonst dominierende Kfz-Verkehr wird allen Verkehrsteilnehmern gleichstellt und fügt sich ins menschliche Miteinander von Fußgängern, Radfahrern, spielenden Kindern usw. ein. Jeder einzelne wird aktiv ins Geschehen eingebunden, wodurch die Umwelt persönlicher und der Umgang mit ihr automatisch rücksichtsvoller wird.

Vordergründiges Ziel ist es, die räumlichen und sozialen Qualitäten der Umgebung zu erhalten und zu verbessern indem die herkömmliche Trennung der verschiedenen räumlichen Funktionen aufgehoben wird. Die Idee wurde in den 1990er Jahren entwickelt und findet weltweit zunehmend Beachtung und Anwendung. Im Rahmen des Infrastrukturförderprogramms INTERREG North Sea Region, ein Programm der Europäischen Union, konnte die Shared-Space-Idee mehrfach realisiert werden. Von 2004 bis 2008 wurden sieben Projekte in Belgien, Dänemark, England, den Niederlanden und in Deutschland verwirklicht. In der Bundesrepublik beteiligte sich die niedersächsische Gemeinde Bohmte. Eine vielbefahrene Durchgangsstraße wurde dementsprechend umgebaut und eröffnet laut Aussagen der Gemeinde „die Möglichkeit, unsere Straßen sicherer zu machen, gesellschaftliche Trennungen aufzuheben, die Attraktivität unserer Städte und Dörfer zu erhöhen und damit nicht zuletzt unserer Wirtschaft einen Impuls zu geben“. Deutschlandweit wurden seither weitere Shared-Space-Projekte realisiert, auch Berlin plant, einen ersten Versuch in Schöneberg in Angriff zu nehmen. Das Konzept dafür steht und wird mit Bezirkspolitikern, Stadtplanern und Anwohnern intensiv diskutiert. Autos sollen zukünftig langsamer fahren, Fußgänger mehr Raum erhalten und zusätzliche Aufenthaltsflächen jenseits der Lokale entstehen. Zudem plant die Berliner Stadtentwicklungsverwaltung weitere „Begegnungszonen“ am Checkpoint Charlie in Mitte und in der Bergmannstraße in Kreuzberg. shared_spaceDer Alexanderplatz ist zwar autofrei, doch arrangieren sich hier seit vielen Jahren Fußgänger, Radfahrer und Straßenbahnen problemlos und ohne jegliche Beschilderung.

Der Ansatz ist keinesfalls neu, er wurde vielmehr im Zuge der industriellen Revolution und des zunehmenden Verkehrs im 19. Jhd. verdrängt. Gemischte Verkehrsflächen galten zunehmend als Behinderung für die wirtschaftliche Entwicklung in Städten und erste Verkehrsregulierungen wurden angestrebt. Straßenräume teilte man in separate Flächen ein, um so Konflikte zwischen einzelnen Verkehrsträgern zu beheben. Es ist jedoch zu beobachten, dass insbesondere an verkehrlichen Schnittstellen Überregulierung und fehlende Interaktion zwischen den Verkehrsteilnehmern vermehrt zu Unfällen und Konflikten führen.

Die Gestaltung innerstädtischer Straßenräume nach dem Konzept des „Shared Space“ steht in öffentlicher, politischer und planerischer Diskussion. Die Meinungen darüber gehen weit auseinander – gerade der Sicherheitsaspekt und die Leistungsfähigkeit werden von Kritikern angezweifelt. Die Praxis beweist jedoch, dass man trotz geringerer Geschwindigkeiten schneller vorankommt. Während schnelles „Stop & Go“ durch rote Ampeln, Stoppschilder oder parkende Lieferfahrzeuge unnötige Abgase in die Luft bläst, ist konstantes Langsamfahren ökologisch sinnvoller und führt zu einer Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität. „Shared Space“ unterliegt keinem rechtlich definierten oder genormten Ansatz, sondern basiert auf dem in § 1 StVO festgeschriebenen „Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme“.

Als Stärken des Konzeptes werden neben der Förderung der Rücksichtnahme und Kommunikation miteinander, ein verbessertes Stadtbild und die Reduzierung der Geschwindigkeiten genannt. „Shared Space“ weist aber auch Schwächen auf. So fehlen Kontraste und Leiteinrichtungen für Sehbehinderte und Blinde, auch die Akzeptanz- und Vermittlungsprobleme bei der Bevölkerung sind eine Schwierigkeit. „Shared Space“ hat seine Grenzen und ist keinesfalls ein Allheilmittel zur Vermeidung von Unfällen und Konflikten im Straßenraum. Generell existieren keine definierten Einsatzgrenzen. Dieser Ansatz kann anders als verkehrsberuhigte Bereiche auch bei Hauptstraßen und belebten Straßenkreuzungen eingesetzt werden. Prinzipiell erlaubt der flexible Ansatz breite Anwendungsfelder, die von Wohnstraßen und dörflichen Ortsdurchfahrten über zentrale städtische Kreuzungen am Rand der Fußgängerzone hin zu belebten Bahnhofsvorplätzen reichen. Schnellstraßen, Autobahnen und große Kreuzungen sind für dieses Modell nicht geeignet, hier werden Pkw auch in Zukunft ihr Vorrecht behalten.

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