Umweltbüro Lichtenberg

Warum jetzt? Warum ich?

Sie kennt mich und weiß, dass ich ein Apologet[1] des Öffentlichen Personennahverkehrs bin, Pionier-Eisenbahner des Herzens und der Tat, zudem Besitzer des kompletten transpress-Dampflokarchivs, mehrerer Eisenbahnalmanache und des Prachtbildbandes „Baureihe 01“. Außerdem weiß ich, was richtig ist, um‘s Weltklima zu retten.

Und dabei meist Auto fahre.

Ein schönes im Übrigen, französisch, groß, besser: geräumig, gut gefedert, angemessen komfortabel (Sitzheizung!), Verbrauch geht so. Für die Stadt und den täglichen Bedarf zu groß (aber nicht so groß, wie mancher Zuhälter-Traktor). Schon bissel alt, der Wagen, deshalb hatte ich gerade einen Termin für einen Neukauf gemacht.

Dann kam also diese Anfrage vom Förderverein Naturschutz Berlin-Malchow. Weltklima und Auto. Klare Sache. Gut und Böse. Leichtes Spiel. Aber warum ich? Warum jetzt?
Gut, Carl Benz ist am 24. November 170 Jahre alt geworden, also wäre er. Wenn er nicht das Auto erfunden hätte und so war es natürlich nichts mit langem Leben.

So haben wir aber wenigstens den Anlass und guten Grund mal zu sagen, was uns das Auto ist. Des Deutschen liebstes Kind, Statussymbol, Rückgrat des Wirtschaftswachstums – kennen wir. Blechlawine, Stadtzerstörer, Klimakiller, Lärmquelle – wissen wir.

Warum_TextVater hat immer gesagt, Auto fängt mit Ah! an und hört mit Oh! auf. Und hatte lange gar keins, ich auch nicht. Die Trabant-Anmeldung habe ich angeheiratet, 1994 sollte es so weit sein. Plan war: Nicht fahren, verkaufen, Haushaltssanierung via Kleinanzeige.

Schule und Arbeit hieß immer Straßenbahn und Bus oder S-Bahn, gern früh um sechs. Urlaub bedeutete Eisenbahn, das war toll und schon das erste Ferien-Erlebnis. Liegewagen von Leipzig nach Binz, 6er-Abteil, unvergessen. Am Ort wurde gewandert, Bus gefahren, Fahrrad. Ging alles, niemand hatte das Gefühl, irgendwo nicht hinzukommen. (Von Grenzen mal abgesehen, aber das ist ein anderes Thema).Dann kam die große Revolution, und das auch weil die Autos so spät kamen.
Erst habe ich noch zwei Jahre gewartet, musste ja auch erstmal ein Führerschein her. Den brauchte man ja bis dahin nicht, im Geltungsbereich des Tarifs der Deutschen Reichsbahn. Seit 1992, zwei Jahre vor der großen, nun schon abgesagten Lieferung aus Zwickau, bin ich also mobil mit Créative Technologie.

Warum ist das so? Warum fährt man seitdem zum Kampf um den Erhalt von brandenburgischen Nebenstrecken und Bahnhöfen mit dem Auto? Warum ist das Wissen um die Schäden, die die individuelle Motorisierung anrichtet, der tägliche Stau und die Suche nach einem Parkplatz – also das Sein – so wenig relevant für das Bewusstsein? Ich weiß es nicht.

Was müsste sein: mehr Alternativen, öffentlicher Verkehr, dichte Takte, gute Preise oder gleich steuerfinanziert fahrscheinlos. Dazu: teurer Kraftstoff, Behinderung des motorisierten Individualverkehrs, wenige teure Parkplätze in der Stadt, Radspuren überall, lange Fußgängerampel-Phasen, regulierter Autobau mit harten Vorschriften, Geschwindigkeitsbegrenzungen und scharfe Kontrollen – den STAU organisieren. Das wäre was.

Aber Stopp: Wäre das nicht Autofahren nur für Reiche? Das ist doch ein Plan, wie die Elektro-Auto-Manie. Als ob die was ändern würden. Wenn sich alle E-Autos leisten könnten - kleiner Exkurs -, wär‘ der gleiche Stau, Parkplätze gäbe es auch keine, aber eine Autobahn würde auch durch die Stadt geschlagen.

Wenn ich nach München muss, das Kind besuchen, kostet das Bahnticket 260 € pro Person (wenn ich nicht monatelang vorher buche, was auch so eine Erfindung zur Abschreckung ist). Da ist das Auto günstiger. Kein Argument? Für manches Gehalt sicher nicht, für Familien, Studenten, den normalen Menschen, der keine Spesen abrechnen kann, aber dann doch. Gut, Bahncard - ja, kann man machen, will aber auch viel gefahren werden, damit es sich rechnet. Wer nur zweimal im Jahr eine längere Fahrt hat, ist da nicht dabei. So denkt Mensch.

Also, Aufgabe: Erklär‘ den Leuten, dass es Lebensqualität ist, Zeit zu haben, dass etwas länger dauert. Dass es Spaß macht, nicht Auto zu fahren.

Ich fahre gern Auto. Ich hätte gern zwei. Ein kleines über‘s Jahr, klein, handlich, parklückenkompatibel und ein großes für den Urlaub. Oder ein Urlaubsangebot, wo ein kleines am Ort steht, denn das französische Omnibus-Wesen will ich nicht mehr lernen und Bahnhöfe sind rar gesät, wo ich hin muss.

Und das Weltklima? Dazu für Insider: „Schön, wenn man keinen Mantel braucht“ und für alle anderen einen Rainald Grebe, gekürzt:

Kennst du das Land mit den Pelikanen?
Kennst du das Land mit den Lianen?
Kennst du das Land, wo die Datteln wachsen?
Kennst du das Land mit den Pinienkernen?
Du kennst es nicht, du wirst es kennenlernen
Wo die krossen Mädchen auf den Palmen wachsen
Kennst du das Land?

Es liegt im Süden von Lappland - und Schweden
Wo Finnen, Färöer und Grönen
Sich verwöhnen und relaxen. - Das ist Sachsen.

Das Klima kennt Gewinner und Verlierer
Das steht - in meinem Reiseführer
Der Freistaat Sachsen kann sich glücklich schätzen
Gemütlichkeit unter Moskitonetzen - Das ist Sachsen

Der Chianti aus Chemnitz ist doch lecker
Der Bordeaux aus Bautzen sowieso
Ob Wurzen, Döbeln, Crimmitschau
Opiumfelder - Weinanbau

Und Kaffeeplantagen, Kaffeeplantagen, Kaffee's coming home

O schau, wie der Flamingo fliegt
Über diesem freiem Staat
Rüber nach Leuna
Ins Biosphärenreservat …

 

[1] Ein Apologet (von gr. απολογητής: „Verteidiger“, απολογία: „Verteidigungsrede“) ist ursprünglich der juristische Magistratsbeamte in der griechischen Polis, in der frühchristlichen Zeit Vertreter der christlichen Apologie, die das Christentum im Römischen Reich als vernünftige Religion aufzeigt und gegen Angriffe anderer Religionen und Philosophien verteidigt. Heute wird der Begriff auch im weiteren Sinn genutzt für einen auf gehobener, intellektueller oder wissenschaftlicher Ebene argumentierenden Verteidiger einer Lehre oder Ideologie. [Wikipedia]

 

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