Umweltbüro Lichtenberg

Von Lebensmittelverschwendung und Regionalität in Krisen-Zeiten

Schon vor der Corona-Krise wurden in Deutschland fast 12 Millionen Tonnen Frischmasse an Lebensmitteln weggeworfen. Das belegt die neueste Studie des Thünen-Instituts. Das erschreckende und vielleicht auch unerwartete an diesem Fakt ist, dass der Großteil, nämlich 52 Prozent davon in privaten Haushalten verursacht wird. Gründe hierfür sind unter anderem, dass zu viel eingekauft, Lebensmittel falsch gelagert, das Mindesthaltbarkeitsdatum falsch verstanden und Speisereste nicht wiederverwendet werden. Dem Umweltbundesamt (UBA) zufolge wirft jeder Deutsche pro Jahr im Schnitt rund 82 Kilogramm Lebensmittel weg. Pro Person sind das zwei vollgepackte Einkaufswagen, mit einem Wert von 234 Euro. Für ganz Deutschland sind das in Summe 6,7 Millionen Tonnen pro Haushalt an weggeworfenen Lebensmitteln im Jahr. Am häufigsten wandern Milchprodukte, Obst, Gemüse und Backwaren in die Mülltonnen. Manches verschwindet in den Tiefen der Schränke und vergammelt dort, anderes ist noch in Ordnung, wandert aber in den Müll, weil Haltbarkeits- oder vermeintliches Verfallsdatum abgelaufen sind. Hier ist der Verbraucher gefragt, versuchen, nichts verkommen zu lassen. Im Blick haben, was als nächstes gegessen werden muss und aus Resten einfach mal eine Suppe kochen. Vor allem aber, auch nach dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums, sich auf die menschlichen Sinne verlassen und riechen, gucken und probieren!

 

Verbraucherschützer fordern den Gesetzgeber auf, strengere Vorgaben zu machen. Denn obwohl, die gesetzlichen Handelsnormen für beispielsweise Gurken vor über zehn Jahren abgeschafft wurden, findet man krumme Gurken äußert selten in den Supermarktregalen. Weil Kunden sie angeblich nicht wollen, ist sie vielerorts aus den Geschäften verbannt. So gehen auf dem Weg vom Acker bis zum Teller weitere 12 Prozent der Lebensmittel verloren. Doch was kann der willige Verbraucher tun, außer sein Verhalten und Konsum täglich zu hinterfragen?

Jeder müsste freiwillig seinen Alltag umstellen und wieder zu mehr Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln gelangen. Diese werden oft günstig im Discounter gekauft und auch entsprechend wahrgenommen. Billig, allgegenwärtig und fast schon unwichtig. Wenn Lebensmittel wieder stärker wertgeschätzt werden passt man auch besser darauf auf, sie zu verbrauchen und nicht schlecht werden zu lassen. Wortwörtlich, als Mittel um zu leben.

Doch der Wandel geht seit einigen Jahren in die richtige Richtung. Vielen Menschen ist es wichtig, was sie essen. Das zeigt der große Trend zu Bio-Produkten, zu regionalen und fairen Lebensmitteln.

Doch wäre Deutschland eigentlich in der Lage sich komplett mit regionalen Lebensmitteln zu versorgen, wenn der Weltmarkt in Krisenzeiten zusammenbrechen würde? Was würden wir zu welcher Jahreszeit essen?

 

Das Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) führt Statistiken über den sogenannten Selbstversorgungsgrad. Verhungern würden wir nicht. Fleisch, Kartoffeln und Zuckriges wären reichlich vorhanden. Für Vegetarier und Veganer sieht es dagegen nicht so üppig aus. Deutschlands Selbstversorgergrad bei Gemüse liegt bei gerade mal 35 Prozent, für Obst noch niedriger. Der für Kartoffeln liegt bei 138 Prozent.

Errechnet wird der Wert durch einen einfachen Dreisatz: Man nehme die in Deutschland im Wirtschaftsjahr 2018/2019 erzeugte Menge, etwa an Äpfeln. Das waren laut BLE 1.119.000 Tonnen. Diese wird durch die Zahl an verbrauchten Äpfel, frisch und verarbeitet, von 2.319.000 Tonnen geteilt. Das ergibt 0,48, also einen Selbstversorgungsgrad von 48 Prozent. Die anderen 52 Prozent wurden importiert. Aus Südtirol gleicherweise wie aus dem fernen Neuseeland. Dieser Selbstversorgungswert schwankt jedes Jahr. Je nachdem wie die Ernte ausfällt waren es schon zwischen 32 Prozent und 60 Prozent. Damit liegen Äpfel an der Spitze, schon bei Kirschen und Birnen sinkt der auf Anteil auf 20 Prozent. Trockenfrüchte, Zitrusfrüchte sowie Aprikosen und Pfirsiche kommen vollständig aus dem Ausland. Ananas und Bananen sowieso. Unterm Strich wächst also nur gut ein Fünftel der Obstmenge, die wir verzehren auch bei uns. Für Bio-Produkte gilt das ebenso, auch wenn bei Bio-Äpfeln im letzten Jahr der Selbstversorgungsgrad bei 80 Prozent lag.

 

Beim Gemüse sieht es ähnlich aus. Selbst versorgen können wir uns mit Rot- und Weißkohl. Bei Möhren, Blumenkohl, Lauch und Kopfsalat liegt der Wert nur noch bei 70 Prozent. Gerade im Frühjahr, wenn die Lager leerer werden, helfen die Niederlande, Spanien, Ägypten und auch Neuseeland aus. Fast ausschließlich wird unser Fruchtgemüse, wie Paprika, Zucchini und Tomaten importiert, hier kommen gerade mal 4 Prozent aus Deutschland.

Die Selbstversorgung von Obst und Gemüse war schon vor dreißig Jahren niedrig und hat sich bei Gemüse seitdem noch verringert. Die Gründe sind vielzählig. Von Wettereinschränkungen im Freilandanbau bis hin zu kurzer Lagerungsfähigkeit. Vielen ist auch der Sinn für Regionalität abhandengekommen, gibt es doch fast alles zu jeder Jahreszeit im Handel zu kaufen. Doch dann stammt es meist aus den sonnigen Ländern Europas oder vom anderen Ende der Welt, wo Sommer herrscht, wenn es bei uns (vielleicht) schneit. Auch der Preis spielt eine Rolle, Arbeiter in Polen ernten Äpfel, Zwetschgen und Co zu einem weitaus günstigeren Stundenlohn als hier bei uns. Von dort kommt ein großer Teil tiefgefrorenes Obst zur Weiterverarbeitung.

 

Ein weiterer Aspekt zur regionalen Versorgung ist, dass die Deutschen im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch pro Kopf verzehren, ein Wert, der trotz alternativen Ernährungstrends nur langsam sinkt. Diese Fleischeslust plus der Verzehr von Milch- und Eierprodukten, hat zur Folge, dass 60 Prozent des in Deutschland angebauten Getreides nicht auf unseren Tellern, sondern in den Futtertrögen landet.

Den Verzehr an tierischen Produkten zu verringern schont also nicht nur das Klima, sondern sorgt auch dafür, dass auf einem Teil unserer Äcker etwas anderes wachsen könnte als Viehfutter, um die Abhängigkeiten von Importen zu verringern. Umgerechnet werden heutzutage zusätzlich rund 25 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland aufgrund von Lebensmittelverschwendung umsonst bewirtschaftet. Das sind Flächen, die in Zeiten der Krise für den regionalen Anbau von Lebensmitteln dringend benötigt werden. Beim nächsten Gang durch die Supermarktregale ist es also empfehlenswert, unsere Aufmerksamkeit noch einmal zu erhöhen und unser Bewusstsein für Lebensmittel in vielerlei Hinsicht zu schärfen.

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