Umweltbüro Lichtenberg

Das Problem mit den Neonikotinoiden

Neonikotinoide sind Insektizide. Ihren Namen haben sie von den nikotinischen Acetylcholinrezeptor (nAChR), an den sich die Wirkstoffe binden. Neonikotinoide wirken auf das Zentralnervensystem der Insekten, indem sie die Reizübertragung stören. Dies kann je nach Dosis bis zum Tod führen. Und hier liegt genau die Schwierigkeit. Wie hoch ist eigentlich die tödliche Dosis? Und was passiert auf dem Weg bis zum Tod?

 

Der Vorteil bei den Neonikotinoiden wurde lange Zeit darin gesehen, dass sie sehr spezifisch wirken. Laut Laboruntersuchungen sollten Wirbeltiere weit weniger davon betroffen sein als Insekten und auch für die Bestäuber sollte das Risiko überschaubar sein.

Verschiedene Untersuchungen, auch im Freiland, zeigten jedoch, dass Neonikotinoide durchaus eine negative Auswirkung auf Bestäuber haben, vorrangig wurden hier Untersuchungen zur Honigbiene durchgeführt. So führten sie bspw. zu einer fehlerhaften Kommunikation bezüglich von Nahrungsquellen, es wurden weniger Nachkommen produziert und die Sterblichkeit stieg. Ein Bienenstock mag Verluste von Arbeiterinnen noch ausgleichen können, aber für eine solitärlebende Wildbiene ist die Wirkung der Neonikotinoide tödlich. Eine Auswertung von mehr als 800 Studien zeigt, dass Neonikotinoide nicht nur negative Auswirkungen auf Bestäuber haben, sondern auch auf andere Insekten, die im Wasser und Boden leben, und auch auf Vögel.

 

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA (European Food Safety Authority) wurde beauftragt, die vorhandenen Studien zu sichten und die Auswirkung von Neonikotinoiden auf Bienen zu untersuchen. Sie stellte nachweislich einen negativen Einfluss fest. Es folgte das europaweite Verbot.

 

Aber…

Verboten wurden nur die drei häufigsten Neonikotinoide (Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin), insgesamt gibt es zurzeit sieben. Die vier übrigen Insektizide sind aktuell wesentlich weniger untersucht, mit großer Wahrscheinlichkeit sind auch diese schädlich. Das heißt man dreht sich am Ende im Kreis.

Bei dem Verbot der drei Substanzen handelt es sich um ein Freiland-Verbot. Das heißt, es ist verboten diese Neonikotinoide auf Äckern auszubringen, in Gewächshäusern hingegen sind sie nach wie vor erlaubt.

Es können Notfallausnahmen genehmigt werden. Dies wird in anderen EU-Ländern bereits getan und setzt damit die Wirkung dieses Verbotes deutlich herab.

Wie bereits erwähnt, gibt es vorrangig Untersuchungen zu Auswirkungen auf die Honigbienen. Doch sie sind nicht die einzigen betroffenen Arten.

Neonikotinoide werden häufig in Form einer Saatgutbeizung ausgebracht. In so einem Fall, ist das Saatgut mit dem Wirkstoff ummantelt, meist werden lediglich 1,6 Prozent von der Pflanze tatsächlich aufgenommen. Der Rest verbleibt im Boden. Gut, sagt der Bauer, so habe ich einen langfristigen Schutz meiner Pflanzen. Schlecht, sagen die bodenbewohnenden Lebewesen. Neonikotinoide sind gut wasserlöslich und gleichzeitig schwer abbaubar. Das führt zu einer Anreicherung im Boden. Zahlreiche im Boden lebende Tiere sind damit gefährdet.

 

Am Ende werden nicht nur die Schädlinge abgetötet, sondern auch Nützlinge, die den Boden mit Mineralstoffen anreichern. Das kann auch zu Ertragseinbußen führen, die dann einen erhöhten Düngermitteleinsatz erfordern. Schlecht, sagen auch die Vögel, denn sie finden auf den Feldern keine Nahrung mehr, die sie für sich und zur Aufzucht ihrer Jungen benötigen.

 

Das Verbot der drei Neonikotinoide Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin kann demnach nur der Anfang sein. Das Insektensterben ist da. Durch den Einsatz von Neonikotinoiden sterben weitere Insekten. Das zeigen verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen. Der Sprung zum kompletten Verbot aller Neonikotinoide sollte demzufolge möglich sein. Nur wenn keinerlei Ausnahmereglungen getroffen werden, können weiterführende Schädigungen vermieden werden.

 

Aber vor allem stellt sich die Frage, wie sinnvoll Insektizide überhaupt sind? Immer wieder stellt sich heraus, dass sie nicht nur die Zielgruppe bekämpfen, sondern auch darüber hinaus negative Folgen für das Ökosystem haben. Wäre es dann nicht an der Zeit zu realisieren, dass alternative Strategien nötig sind? Strategien, die auf einen Einsatz von Insektiziden und Pestiziden verzichten. Strategien, die im Einklang mit dem Ökosystem arbeiten und nicht dagegen.

 

Denn am Ende ist die Landwirtschaft ein Teil des Ökosystems und es ist absurd sie getrennt davon betrachten zu wollen. Die vielfältigen Probleme, die durch die Verwendung von Neonikotinoiden entstehen, verdeutlichen dies. Sie wirken eben nicht nur auf eine Tier- oder Pflanzenart sondern auf viele. Und sie führen Veränderungen im Boden und Wasser herbei, was wiederum Auswirkungen auf die dort lebende Tier- und Pflanzenwelt hat.

 

 

Quellen:

www.bund.net

https://doi.org/10.1371/journal.pone.0091364

https://doi.org/10.2903/sp.efsa.2018.EN-1378

https://www.agrarheute.com/pflanze/zuckerrueben/notfallzulassungen-fuer-neonicotinoide-immer-mehr-ausnahmen-eu-550121

https://doi.org/10.1007/s10646-017-1790-7

https://doi.org/10.1007/s11356-014-3471-x

http://www.biodiversity.de/produkte/aktikel/neonikotinoide-im-boden

https://www.nature.com/articles/nature13531

 

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